Die nordische Rasse

 

Die nordische Rasse

von Hans F. K. Günther

 
Sie ist hochgewachsen, hochbeinig, schlank, mit einer durchschnittlichen Körperhöhe des Mannes von etwa 1,74 Meter. Kräftig-schlank erscheinen die Gliedmaßen, der Hals, die Umrisse der Hände und Füße. Die nordische Rasse ist langköpfig-schmalgesichtig mit einem Längen-Breiten-Index des Kopfes um 75, einem Gesichtsindex über 90. Wie bei allen Rassen, wenigstens den mittel- und langköpfigen, scheint der weibliche Kopf gegenüber dem männlichen zu einem höheren Längen-Breiten-Index und niedrigeren Gesichtsindex zu neigen. Für den nordischen Kopf ist kennzeichnend das weit über den Nacken ausladende Hinterhaupt. Der ausladende Teil des Hinterhauptes ist aber verhältnismäßig niedrig gebaut, so daß man bei nordischen Menschen noch ein höheres Stück des Halses über dem Rockkragen sieht, über welchem dann das Hinterhaupt nach hinten ausschwingt. Das Gesicht ist schmal mit ziemlich schmaler Stirn, schmaler, hochgebauter Nase und schmalem Unterkiefer mit betontem Kinn. Der Gesichtsschnitt der nordischen Rasse wirkt — wenigstens beim Manne — eigentümlich kühn durch ein dreimaliges Anspringen der Linie des Gesichtsschnitts: erst in der flächig zurückgeneigten Stirn, dann in der aus hoher Nasenwurzel entspringenden geraden oder nach außen gebogenen Nase, endlich in dem betonten Kinn. Die Weichteile unterstützen den Ausdruck eines klar gezeichneten Gesichts. Beim weiblichen Geschlecht ist die Stirn meist mehr zurückgewölbt als zurückgeneigt, die Nase minder scharf gezeichnet, das Kinn minder betont.
Abb. 3a, b. Schleswig. Nordisch. Nase und Kinn noch kindlich
  Abb. 4. Westerwald. Nordisch
Abb. 5. Niedersachsen. Nordisch (Aufn.: Günther, Goslar)
Abb. 6. Mecklenburg-Strelitz. Nordisch
Abb. 7. Niedersachsen. Nordisch (Aufn.: Fikentscher)
Abb. 8 a, b. München. Nordisch mit leichtem dinarischem Einschlag (Kinnform)
  Abb. 9. Bayer. Schwaben. Nordisch mit leichtem dinarischem Einschlag
Abb. 10. Niedersachsen. Nordisch. Züge noch jugendlich weich
Abb. 11. Österreich. Nordisch mit dinarischem Einschlag
Abb. 12. Markgräflerin (südl. Baden) Vorwiegend nordisch
Die Haut der nordischen Rasse ist rosig-hell und läßt das Blut durchschimmern, so daß sie besonders belebt, dabei meist etwas kühl oder frisch aussieht. Die Gesichtshaut wirkt wenigstens in der Jugend und beim weiblichen Geschlecht öfters noch bis in mittleres Alter „wie Milch und Blut“.
Die Haare fallen schlicht-glatt oder wellig, im Kindesalter auch lockig; das einzelne Haar ist weich und dünn. Die Haarfarbe ist ein Blond, das bei meist vorhandenem rötlichem Unterton vom Lichtblonden über das Goldblond bis ins Dunkelblonde reichen kann. Nordische Kinder sind oft weißblond. Menschen, die in der Jugend hellblond sind, werden später oft dunkelblond, öfters auch dunkelhaarig: eine Erscheinung, die man Nachdunkeln nennt und auch bei sonst unnordischen Menschen als Anzeichen eines nordischen (oder auch fälischen oder ostbaltischen) Einschlags auffaßt.
Ein Teil des roten Haares, soweit es noch rötlichblond oder goldrot ist, wird noch als nordisch bezeichnet werden dürfen. Eigentliches fuchsrotes Haar kommt aber bei allen Menschenrassen vor; man bezeichnet diese Erscheinung als Rutilismus oder Erythrismus.
Der Bart der nordischen Rasse besteht aus lockigen oder gekräuselten blonden bis rotblonden Haaren. Der Bartwuchs ist ziemlich reichlich.
Das nordische Auge, d. h. dessen Regenbogenhaut, ist blau, blaugrau oder grau. Oft haben nordische Augen etwas Strahlendes an sich, bei bestimmten Gemütsregungen auch einen Ausdruck, den die Römer bei den (überwiegend nordischen) Germanen als einen „schrecklichen Blick“ empfunden haben.
Die Leibesgestaltung der nordischen Rasse ergibt anscheinend eine besondere Befähigung für Mittelstreckenlauf, Wurf und Sprung.
Will ein Zeichner, Maler oder Bildhauer den kühnen, zielbewußten, entschlossenen oder den edlen, vornehmen oder heldischen Menschen, Mann oder Weib, darstellen, so wird er zumeist ein Menschenbild schaffen, das dem Bilde der nordischen Rasse mehr oder weniger nahekommt. Auch einem Menschen, der als bezeichnender Vertreter der oberen Stände angesehen werden soll, werden z. B. die Zeichner der Witzblätter viel eher Züge der nordischen Rasse verleihen als Züge der nicht-nordischen Rassen Europas.
Tatsächlich möchte man vordenkliche Willenskraft, bestimmtes Urteilsvermögen bei kühl abwägendem Wirklichkeitssinn, Drang zur Wahrhaftigkeit von Mensch zu Menschen, eine Neigung zu ritterlicher Gerechtigkeit als die bei nordischen Menschen immer wieder auffallenden seelischen Züge bezeichnen. Solche Züge können sich bei einzelnen innerhalb der nordischen Rasse steigern bis zu ausgesprochen heldischer Gesinnung, bis zu weitblickendem Führertum im Staate oder Schöpfertum in Technik, Wissenschaft und Kunst. Die verhältnismäßig große Anzahl vorwiegend nordischer und nordischer Menschen unter den bedeutenden und überragenden Männern und Frauen aller abendländischen Völker ist aufgefallen, ebenso wie die verhältnismäßig sehr geringe Anzahl bedeutender Männer und Frauen ohne merklichen nordischen Einschlag.
Im Zusammenleben der Menschen erscheint der nordische Mensch im allgemeinen ruhig in Bewegungen und Worten und — gemessen an der Äußerung seiner Empfindungen -zurückhaltend, nicht selten kühl, ja besonders für das Empfinden nicht-nordischer Menschen auch kalt und steif oder „ungemütlich“. Nordischen Menschen eignet gemeinhin wenig Begabung oder auch Neigung, sich in fremdes Seelenleben einzufühlen. Gerade sehr pflichtbewußte nordische Menschen können gegen ihre menschliche Umgebung hart, ja rücksichtslos werden, wenn sie auch — und auch als Angehörige unterer Volksschichten — eine gewisse Ritterlichkeit nie verläßt. Ein schalkhafter, dem Lauten abgeneigter Witz und gute Erzählergaben mit Sinn für Handlung und Landschaft finden sich in der nordischen Rasse, innerhalb der Wissenschaften mehr Neigung zu Technik und Naturwissenschaft als zu den Geisteswissenschaften. Ein (gegenüber anderen kaum betontes) Selbstvertrauen, ein Sinn für Wettbewerb und eine kühne, ja überschwengliche, doch selten nach außen enthüllte Einbildungskraft, die jedoch von der Wirklichkeit aus über einen weiten Gedankenflug wieder zur Wirklichkeit zurückstrebt, bewirken bei den begabteren Menschen nordischer Rasse das obenbezeichnete Führer- und Schöpfertum.
Die nordische Kühnheit kann zu Leichtsinn, Sorglosigkeit, Verschwendungssucht, die nordische Kühle zu kalter Berechnung werden — die hervorragenden Staatsmänner Europas sind fast alle vorwiegend nordisch, und Züge kalten Rechnens bei ihnen nicht selten. Der Führerdrang bewirkt das gerade bei nordischen und vorwiegend nordischen Familien zu beobachtende Aufsteigen innerhalb der Gesellschaftsschichten, zumeist erkauft durch Kleinhaltung dieser Familien — damit ist zugleich die Gefahr des allmählichen Aussterbens der nordischen Rasse gegeben.
Nordische Menschen reifen in der Regel spät, bleiben länger unbekümmert jugendlich, auch jugendlich-leichtsinnig, und verlieren selten die besonders bei der vorwiegend nordischen Jugend hervortretende Neigung zu Leibesübungen, Wanderungen, Fahrten, wie auch innerhalb der abendländischen Völker der vorwiegend nordische Mensch am ehesten auf Auswanderung sinnt. Ein lebhaftes Naturgefühl mag dabei mitsprechen.
Die verhältnismäßig größere Häufigkeit vorwiegend nordischer Menschen in allen Freiluftberufen fällt auf. Innerhalb aller Stände läßt sich eine verhältnismäßig größere leibliche Reinlichkeit vorwiegend nordischer Menschen erkennen. Eine die Rasse kennzeichnende Neigung zu gepflegtem Auftreten und vornehmer Haltung kann sich in der Regel nur in mittleren und oberen Volksschichten auswirken.