Die dinarische Rasse

 

Die dinarische Rasse

von Hans F. K. Günther

Ihre durchschnittliche Körperhöhe mag beim Manne etwa 1,73 Meter sein. Die Rasse ist also hochgewachsen, hochbeinig, dabei derb-schlank. Die Armlänge ist verhältnismäßig geringer als bei den vorher betrachteten Rassen, die Gelenke minder fein, der Hals wohl ein wenig dicker oder kürzer.
Die Kopfform zeigt Kurzköpfigkeit mit Schmalgesichtigkeit vereint. Der Kopfindex mag etwa 85—87 sein. Der Längsdurchmesser des Kopfes ist deshalb nur wenig größer als der Breitendurchmesser, weil das Hinterhaupt kaum über den Nacken hinausreicht, ja in den meisten Fällen wie abgehackt aussieht. Das hohe Hinterhaupt steigt in vielen Fällen wie eine Verlängerung des Nackens auf. Die Schmalgesichtigkeit der dinarischen Rasse ist hauptsächlich bedingt durch die verhältnismäßig lange Nase und das hohe, derbe Kinn; die Stirn ist wohl meistens verhältnismäßig breiter als bei den vorher geschilderten Rassen. Der Gesichtsschnitt ist gegeben durch eine wenig zurückgeneigte Stirn, eine Nase, die aus hoher Nasenwurzel entspringt, sich im Knorpelteil nach unten senkt — oft mit einem betonten Winkel (Adlernase) — und gegen unten fleischig endet. Die Nasenscheidewand (Septum) reicht bei der dinarischen Rasse tiefer nach unten als die Nasenflügel, so daß man in Seitenansicht mehr von ihr sieht als bei den anderen europäischen Rassen. Das Kinn ist hoch und derb gebaut, dabei mehr abgerundet als bei der nordischen Rasse.
    Abb. 21. Freiburg i. Br. Dinarisch-nordisch
Abb. 22. Hotzenwald (südl. Baden).
Dinarisch (Aufn.: Gersbach, Säckingen)
Abb. 23 a, b. Südtirol. Dinarisch
Abb. 24 a, b Wien; vorwiegend dinarisch; K: 85,50; G: 91,04 (bei Zahnverlust), 75jähr.
    Abb. 25. Bamberg. Ignaz Döllinger, geb. 1799.
A: braun. Dinarisch-nordisch (Gem.: Lenbach)
Abb. 26. Oberbayern. Dinarisch (Aufn.: Johannes, Partenkirchen)
Abb. 27 a, b. Aus Polen nach Oldenburg eingewandert, Dinarisch. (Aufn.: Havemann)
Abb. 28. Ritten (Tirol). Dinarisch mit nordischem Einschlag (Gem.: Riß, Meran)
Abb. 29. Fürst Karl Auersperg, 1814-1899, österreich. Staatsmann. Vorwiegend dinarisch 
Die Weichteile: Erwähnt wurde die gegen unten fleischig endende Nase, die meist in kennzeichnend geschwungener Linie fleischig abgesetzte Flügel zeigt. Die Lippen sind voller, mindestens breiter als bei der nordischen Rasse.
Häufiger als bei den anderen europäischen Rassen treten tief eingeschnittene Falten auf, welche von den Nasenflügeln gegen die Mundwinkel hinabführen. Das Oberlid wirkt „schwer“, ihm fehlt öfters eine leichte Deckfalte, die bei den anderen europäischen Rassen über das Oberlid zieht, weshalb das dinarische Oberlid oft eigentümlich glatt wirkt.
Bei dinarischen Menschen finden sich häufig fleischige und ziemlich große Ohren.
Die Haut ist bräunlich.
Das Haar fällt meist lockig, selten schlicht; das einzelne Haar ist dünn und ziemlich weich. Der Haarwuchs, auch in der Körperbehaarung, ist stark, der Bartwuchs sehr reichlich. Das Haar ist braun bis schwarz.
Die Augen sind braun bis schwarzbraun.
Wollen Künstler den kühnen Alpenjäger, den verläßlichen Bergführer der Alpen, den Tiroler Freiheitskämpfer gegen Napoleon oder den heldenhaften montenegrinischen oder albanischen Krieger, den kraftvollen Alpenjäger des französischen oder italienischen Heeres darstellen, so wird zumeist das Bild eines Mannes dinarischer oder vorwiegend dinarischer Rasse, gelegentlich — nämlich bei heller Haut-, Haar- und Augenfarbe — das eines dinarisch-nordischen oder nordisch-dinarischen Mannes entstehen, ebenso wie das Bild einer dinarischen oder vorwiegend dinarischen Frau, wenn ein Künstler eine ihr Hauswesen tüchtig leitende Bäuerin oder Gasthofwirtin darstellen will.
Die dinarische Rasse ist in ihrem seelischen Verhalten gekennzeichnet durch rauhe Kraft und Geradheit, durch Ehrsinn und ausgesprochene Heimatliebe, durch Tapferkeit und betontes Selbstbewußtsein. Ihr eignet ein lebhaftes Naturgefühl und ein Sinn zu reichhaltiger Ausgestaltung der Umwelt in Haus und Landschaft. Eine gewisse Kühnheit des dinarischen Menschen ist mehr auf körperliche Leistungen gerichtet als auf einen geistigen Eroberungsdrang, wie er innerhalb der nordischen Rasse häufiger ist. Auch lebt der dinarische Mensch mehr in der Gegenwart als der vorausblickende nordische, weshalb sich innerhalb der dinarischen Rasse ein zielbewußter Unternehmungsgeist nicht entfalten kann. Kennzeichnend ist die dinarische Neigung zu jähem Aufbrausen und zu Rauflust, doch auf dem Grunde einer im allgemeinen gutmütig-heiteren, geselligen Veranlagung. Die verhältnismäßig hohe Bestrafungsziffer für gefährliche Körperverletzung im deutschen Südosten muß hauptsächlich dem dortigen Vorwiegen der dinarischen Rasse zugeschrieben werden. Unverkennbar ist die dinarische Neigung zu derbem, etwas ungeschlachtem und lautem Auftreten und einer entsprechenden Geselligkeit, ebenso die leicht erregbare Begeisterungsfähigkeit des dinarischen Menschen, dem überhaupt ein gewisser „Schwung“ in Empfindung und Auftreten eignet, dazu eine gröbere Schlagfertigkeit und anschauliche Sprachgestaltung, nicht selten eine ausgesprochene schauspielerische Begabung, auch eine ausgesprochene Menschenkenntnis mit der Neigung zu einer gewissen „bauernschlauen“ Berechnung der Menschen, besonders ihrer Schwächen. Die dinarische Rasse ist besonders für Tonkunst, vor allem für Gesang, begabt. Nordische Schöpferkraft und dinarische tonkünstlerische Begabung — eine Begabung, welche der nordischen Rasse zwar keineswegs fehlt, in ihr aber nicht so reichhaltig und gleichsam so überströmend wie in der dinarischen Rasse vorkommt —: das Zusammentreffen solcher Erbanlagen hat offenbar am meisten zur Hervorbringung der großen Tonsetzer und Tonkünstler des Abendlandes beigetragen: diese sind zumeist nordisch-dinarische Menschen gewesen.